Weißt du eigentlich, was du isst?

Weisst_du_eigentlich_kopf

von Birgitt Piepgras, Kandidatin zur Bundestagswahl 2013 und Themenbeauftragte der Piratenpartei für Landwirtschaft

Wer is(s)t hier der Dumme – der Erzeuger?

Durch den Preisdruck des Handels sind Lebensmittelerzeuger gezwungen, immer mehr Produkte zu immer günstigeren Preisen anzubieten. Dies ist gerade bei landwirtschaftlichen Erzeugern nur durch eine Produktionssteigerung auf begrenzten (Stall-)Flächen möglich. Diese Steigerung wird hauptsächlich dadurch erreicht, dass möglichst viele Tiere in möglichst kurzer Zeit das Schlachtgewicht erreichen müssen. Zudem haben wir es heute fast nur noch mit so genannten Hochleistungstieren zu tun. Also zum Beispiel mit Hähnchen, die so viel Brustfleisch ansetzten, dass ihre Beine zu schwach sind, um sie zu tragen. Da die Produktion rund laufen muss, steht der Schlachttermin bereits fest, wenn die Küken gerade erst geschlüpft sind. Ebenso fest steht der Liefertermin für die nächsten Jungtiere. Unter diesem Druck ist die Gefahr besonders groß, Antibiotika und andere Medikamente als Mastbeschleuniger einzusetzen, auch wenn das EU-weit verboten ist.

Wer is(s)t hier der Dumme – der Lebensmittelhersteller?

Die Liste der Lebensmittelskandale der letzten Jahre ist lang – und sie wird immer länger. In diesem Jahr geisterten Meldungen von nicht deklariertem Pferdefleisch in Fertigprodukten, falschen Bio-Eiern, Gammelfleisch in Würsten und mit Antibiotika belastetem Putenfleisch durch die Medien. Solche Nachrichten sind alles andere als appetitlich, und sie offenbaren, dass unser System krankt.

Sicherlich, es gibt Lebensmittelkontrollen.

Jahr für Jahr werden viele Betriebe kontrolliert, die mit der Herstellung oder der Verarbeitung von Lebensmitteln zu tun haben. Dabei kommt es zu hohen Beanstandungsquoten.

Die Ergebnisse dieser Kontrollen können allerdings nicht öffentlich eingesehen werden und haben deshalb keine ausreichende Abschreckungswirkung. Wir Verbraucher sind gegenüber den Herstellern von Lebensmitteln stark benachteiligt. Wir werden unzureichend und häufig bewusst falsch informiert.

Die Etiketten vieler Lebensmittel versprechen uns auf der Vorderseite das Blaue vom Himmel. Doch das Kleingedruckte auf der Rückseite entpuppt sich dann oftmals als Auflistung von künstlichen Aromen, Farbstoffen und Zusatzstoffen, deren Namen wir weder lesen noch aussprechen können. Anstelle von vollmundig versprochenen hochwertigen Zutaten werden uns billige Ersatzprodukte verkauft. Anstelle von Milch aus dem Allgäu wird uns Milch serviert, die im Allgäu lediglich abgefüllt wurde. Und anstelle gesunder Zwischenmahlzeiten für Kinder verkauft man uns fettige und zuckerhaltige Kalorienbomben. Schon die Nahrung für Säuglinge und Kleinkinder wird mit Unmengen an Zucker angereichert, um die Kinder von Anfang an auf den süßen Geschmack zu prägen. Dadurch bedingt, steigt die Anzahl vor allem der jungen Diabetiker so erschreckend an, dass die gesetzlichen Krankenversicherer bereits vor einem volkswirtschaftlichen Schaden warnen.

Wer is(s)t hier der Dumme – der Lebensmittelhandel?

Die Supermärkte stehen heute vor einer ganz besonderen Herausforderung: Sie müssen satte Menschen hungrig machen. Die Menschen stehen vor prall gefüllten Regalen, die bis kurz vor Ladenschluss auch mit verderblichen Waren wie Brot randvoll bestückt sind – und von denen man weiß, dass diese Waren für den Müll produziert werden. Theken mit besonderer Beleuchtung, die die Waren besonders frisch aussehen lassen, stimulierende Musik, künstlich erzeugte Düfte – es werden alle Register gezogen, um unsere Sinne anzusprechen und uns dazu anzuregen, mehr zu kaufen, als wir eigentlich wollen und müssten.

Die Ladenketten versuchen sich stetig im Preis zu unterbieten, nur die Masse zählt. Um Kunden an sich zu binden, wird Ware auch mal unter dem Einkaufspreis angeboten. Dass die Erzeuger kaum noch kostendeckend produzieren können, wird sowohl von den Herstellern, als auch vom Handel billigend in Kauf genommen.

Dies hat direkte Auswirkung auf die Landwirtschaft: Durch den Zwang, ihre Produkte immer billiger anbieten zu müssen, werden die Landwirte genötigt, eine immer höhere Produktivität zu gewährleisten. Das ist aber oft nur zu erreichen, wenn in der Tiermast zu immer mehr Antibiotika gegriffen wird, um diese Tierhaltung auf engstem Raum und die strengen Zeitpläne überhaupt realisieren zu können.

Und der Verbraucher? Er lässt sich für dumm verkaufen?

Verbraucherschutzorganisationen wie Foodwatch haben es sich zum Ziel gesetzt, den Verbraucher über Schwindeleien der Lebensmittelindustrie zu informieren. Seit 2010 hat Foodwatch schon so manche Veränderung erzwungen.

Auch die Verbraucherzentralen haben ein Informationsportal eröffnet: www.lebensmittelklarheit.de
Seit 2011 gibt es zudem ein Portal für Verbraucher, das vom Umwelt- und Verbraucherschutzministerium ins Leben gerufen wurde: www.lebensmittelwarnung.de

Dies erfreut sich großer Beliebtheit, doch das hat Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner bisher nicht dazu bewogen, daraus politische Konsequenzen zu ziehen. Aber wir Verbraucher nutzen solche Informationen noch viel zu wenig. Wir glauben lieber, was uns die Werbung vorgaukelt und rennen brav in die Läden. Wir lassen uns übertölpeln, ausnutzen und bekunden so den viel zitierten Verbraucherwillen. Nicht zu vergessen ist, dass wir in Deutschland im EU Vergleich mit am wenigsten für Lebensmittel ausgeben. Wann wachen wir endlich auf?

Und die Piraten?

Im Verhältnis zwischen Hersteller, Vertreiber und Verbraucher ist letzterer in der Regel unterlegen. Wir Piraten wollen dieses Ungleichgewicht sinnvoll ausgleichen. Mängel bei Lebensmittelkontrollen müssen öffentlich nachvollziehbar sein, um durch Transparenz eine abschreckende Wirkung zu erreichen. So wird zudem Druck auf die Abnehmer ausgeübt, ihre Lieferanten sorgfältiger auszuwählen.

Verbraucherzentralen spielen eine wichtige Rolle in der Beratung von Konsumenten und beim Schutz von Verbraucherinteressen. Die Piratenpartei unterstützt insbesondere die Verbraucherzentralen in ihrer Ablehnung des „gläsernen Konsumenten” und bei der Verteidigung der Datenschutzinteressen der Bürger. Wir wollen einen Verbraucherschutz, der das Recht auf umfassende Information und die Durchsetzung von Verbraucherinteressen verbindet.

Ferner setzt sich die Piratenpartei dafür ein, mehr Transparenz bei Herstellung und Handel von Lebensmitteln zu schaffen sowie das Verbandsklagerecht für anerkannte Verbände auf den Bereich des Verbraucher- und Tierschutzes zu erweitern. Damit werden die Konsumenten besser informiert, und ihre Rechtsposition gegenüber Produzenten und Handel wird gestärkt. Der Druck, ständig wachsen zu müssen, muss gerade von den landwirtschaftlichen Betrieben genommen werden, die uns mit Nahrungsmitteln versorgen. Das wollen wir erreichen, indem wir uns dafür einsetzen, dass die Erzeugerpreise auch die tatsächlichen Kosten decken.

Ein Kommentar

  1. 1
    Dr. Uwe Bastian

    Völlig falscher wirtschaftspolitischer Ansatz. Die Agrarindustriellen -vor allem in den Ostbundesländern – haben durch die Privatisierung der Genossenschaften unglaubliche Einnahmen an Subventionen die sich auf die riesigen Flächen beziehen (Durchschnitt 5000 ha pro Betrieb = 1. 500. 000 € Subventionen aus Brüssel/Steuerzahler + Ertragsgewinne). Das schaffte eine unglaubliche Finanzmacht zur Rationalisierung/ Abbau von Arbeits-/Einkommensplätzen, Überschüsse zum Kauf aller vorhandenen Landwirtschaft- und Forstflächen, Ankauf von Politikern aus allen Parteien und Ebenen zu einer Industrieagrarlobby, Leerfegen des ländlichen Raumes, weil keine Perspektive für Leben. Zur Lobby zählt auch die Stasi-Partei (sog. Linke) weil in der Hauptsache die SED-Agrarfunktionäre die Gewinner der LPG-Privatisierung und die neuen Großgrundbesitzer sind.
    Man sollte die Fakten kennen, auch die ökonomische Funktionsweise des Kapitalismus, um Ursachen und Wirkungen besser verstehen zu können.

    Sehen Sie zum Thema auch Dr. habil. agrar.Jörg Gehrke von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft in Meck/Vorpomm (Internetblog).

    Viele Grüße

    Dr. Uwe Bastian

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