Frank #499

frank

Mein Name ist Frank Schultz, ich bin 39 Jahre alt und mit Leib und Seele Pirat. Mitglied dieser jungen Partei bin ich seit Juni 2007. Was Herr Schäuble bei der CDU ist, kann ich bei der Piratenpartei werden. Mit meinen Erfahrungen und eurem Vertrauen in möchte ich das wieder gern unter Beweis stellen.

Ich lernte Frank im Oktober 2011 auf dem Landesparteitag in Schwerin kennen, als er seine Bewerbung für das Landesschiedsgericht vorlas, in dem wir das kommende Jahr gemeinsam arbeiten sollten. Aus dieser Begegnung stammt ein halbfertiges Interview mit Frank, das hier zusammen mit einigen anderen Texten veröffentlicht werden soll. Es war Franks Wunsch.

Hallo Frank!

Hallo Stefan!

Wie geht es dir?

Gut soweit. Und selbst?

Danke, es geht. Erzähl mal, wie du Pirat geworden bist.

Ende Februar 2001 habe ich meinen ersten Computer bekommen und ich bin sofort damit ins Internet gegangen. Analog! Meine erste Abrechnung erreichte astronomische Höhen. Das war ja auch kein Wunder bei nahezu zwölf Stunden online am Tag.

Mitte 2004 wurde ich dann Moderator auf dem hoc-Board und kurz darauf wurde ich von den Admins der Seite wer-weiss-was angesprochen, ob ich dort ebenfalls moderieren möchte. Begeistert sagte ich zu und war somit Moderator in zwei Foren. Nebenbei surfte ich stundenlang durchs Netz und bin dabei auf das Heiseforum gestoßen. Von dieser Art der Berichterstattung war ich sehr angetan.

Und irgendwann im Mai des Jahres 2007 fand ich dort im Newsforum den Namen »Piratenpartei«. Das klang irgendwie gut! Daraufhin habe ich mich mit der Piratenpartei beschäftigt und ich festgestellt, dass die Partei genau die Ziele verfolgt, für die ich einstehe. Da ich mich also mit diesen Themen identifizieren konnte, bin ich am 11. Juli 2007 in die Piratenpartei eingetreten und werde auch als Querschnittgelähmter, aber trotzdem freier Bürger, mein Möglichstes tun, dass unsere Ziele verwirklicht werden.

Warst du der einzige Pirat in Schwerin oder gab es schon Vorläufer zum heutigen Landesverband?

Im August des Jahres 2007 war ich meines Wissens nach der erste Pirat, den es zu diesem Zeitpunkt in Schwerin gab.

Welche Mitgliedsnummer hast du?

499. Nichtsdestotrotz habe ich im Sommer schon fleißig Flyer verteilt und es war schon ein bisschen merkwürdig. Niemand in Schwerin kannte die Piratenpartei und fast jeder meinte, dass der Name furchtbar sei und irgendwie abschreckend.

Dann musste ich ins Krankenhaus und als ich wiederkam, war es schon fast Winter.
Auf Grund einiger familiärer Probleme und Missstände im Pflegebereich trat dann die Partei ein wenig in den Hintergrund.

Und wann ging es dann wieder los?

So 2009, als der Landesverband gegründet wurde, Und seit dem Erfolg der Berliner Piraten haben wir einen immensen Mitgliederzuwachs bekommen.

Wie organisierst du deinen Alltag?

Ich habe ein eigenes Pflegeteam zusammengestellt, bestehend aus vier Stammkräften, einem geringfügig Beschäftigten und zwei 400-Euro-Kräften. Diese unterstützen mich in allen Alltagssituationen, die ich wegen meiner Einschränkung nicht allein bewältigen kann. So kann ich weitestgehend selbstbestimmt meinen Alltag organisieren.

Was hat dich dazu gebracht, dieses ja nicht alltägliche Modell zu praktizieren?

Dazu muss ich jetzt ein bisschen weiter ausholen. In meiner Heimatstadt Schwerin war ich offenbar der erste Pflegepatient, der eine 24-Stunden-Pflege haben wollte. Das bedeutet, dass rund um die Uhr eine Pflegekraft anwesend ist, um mich in meinem Alltag zu unterstützen, der ja wegen meiner Querschnittlähmung stark beeinträchtigt ist. Leider fühlte ich mich von Anfang an wie ein Versuchskaninchen und überhaupt nicht wohl. Aufgrund verschiedener Umstände nahm dieser Versuch nach sechs Monaten ein unrühmliches Ende und eine Heimodyssee begann.

Zum Glück wurde ich danach im Neurologische Rehabilitationszentrum in Greifswald aufgepeppelt und es konnte mit dem Versuch weitergehen, einen halbwegs vernünftigen Pflegedienst zu finden. Aber es klappte einfach nicht.

Nach mehreren Jahren riet mir dann ein Pfleger, dem ich anscheinend ein bisschen ans Herz gewachsen war, es mit dem Arbeitgebermodell zu versuchen. Zugleich versprach er mir seine Hilfe. Nach einer weiteren schlechten Erfahrung mit einem Pflegedienst war ich dann soweit und startete ich am 3. November 2010 das Arbeitgebermodell, nachdem ich mir in weiser Voraussicht die Deckungszusage der gegnerischen Haftpflichtversicherung geholt habe. So war ich zumindest finanziell abgesichert.

Was ist das Arbeitgebermodell?

In den siebziger Jahren entstand aus der »Selbstbestimmt-Leben-Bewegung« die Idee der »Persönlichen Assistenz« und damit das Arbeitgebermodell. Gehandicapte stellen ihre Assistenten selbst ein und sorgen für die nötige Einarbeitung. Die erforderliche Administration wird zumeist auch von den Betroffenen übernommen.

Ziel ist das selbstbestimmte Leben der Beeinträchtigten. Durch die neu erworbene Eigenständigkeit verändert sich grundlegend die Situation, von Pflegediensten et cetera abhängig zu sein. Darüberhinaus entstehen neue Arbeitsplätze.

Neben ausgebildeten Arbeitnehmern haben auch Späteinsteiger, Personen mit abgebrochener oder ohne Ausbildung eine Chance auf einen vollwertigen Arbeitsplatz. Die Finanzierung wird gewöhnlich durch Sozialämter, Kranken- und Pflegekassen oder Haftpflichtversicherungen übernommen. Da keine Unternehmensgewinne im Vordergrund stehen und die im Krankenpflegebereich sehr hohen Verwaltungskosten nicht anfallen, können mit diese Geldern mehr Arbeitsplätze finanziert und die Pflegequalität deutlich erhöht. Aber nicht jeder Behinderte kann sich mit dem Arbeitgebermodell anfreunden. Es gibt deshalb in Deutschland weniger als 2.000 mutige beeinträchtigte Arbeitgeber.

Seit dem 3. November 2010 bin ich einer von diesen »befreiten« Arbeitgebern und muss zugeben, dass ich zwar ein bisschen Stress mit meinem »Hühnerstall« habe, es sich aber trotzdem lohnt.

Wir sollten uns dafür einsetzen, dass dieses Modell bekannter wird. Vielleicht kann ich als »Urgestein« der Piratenpartei meine Position nutzen, um vielen körperlich Beeinträchtigten Mut zu machen, nicht die Augen zu verschließen, sondern die Politik mitzugestalten und dafür zu sorgen, dass das Recht auf Selbstbestimmung nicht nur eine Floskel ist, sondern auch gelebt werden kann.

— to be continued

Das Foto ist von Daniel Lobo und steht unter der Lizenz CC BY 2.0.

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